scholé, geschichtswissenschaftliche Meditationen, B

von arminnolzen

Ich sprach in Teil A dieser „Meditationen“ von der Zeit, die die Geschichtsschreibung benötigt, insbesondere in Bezug auf das Denken. In welcher Situation jedoch vollzieht sich individuelles Denken, welche Umstände sind ihm förderlich, welche hemmen es? Jedes geschichtsschreibende Ich wird diese Frage anders beantworten, andere Schwerpunkte setzen, entweder bezogen auf die persönliche Situation (Familie, Liebe und Freundschaft, Krankheit und/oder Gesundheit) oder aber auf die allgemeine gesellschaftliche Lage (das jeweilige politische System des Landes, in dem es lebt, die wirtschaftliche Entwicklung). Mir persönlich war und ist die folgende Passage eine unverzichtbare Inspirationsquelle geworden:

„Ich weiß, daß kein unbezweifelbares Zeichen mir Bestätigung oder Schwächung signalisieren wird. Meine Randständigkeit beweist nichts, sogar mir selbst. Der Vorläufer, wie Canguilhem sagt, ist jener, von dem man erst später weiß, daß er vorher kam. In der Anomie und Abwechslung ist die Avantgarde mit allen niedrigen Formen des Deliriums vermischt … Das Urteil der anderen wird nicht mehr entscheidend sein. Wenn meine Konzeption sich als fruchtbar erweist, kann sie genauso verächtlich gemacht werden oder unverstanden bleiben wie anerkannt oder mit Beifall begrüßt werden. Die Einsamkeit, der ich mich ausgesetzt habe, ist der Preis des Pioniers, aber auch des Verirrten. Ich habe den Kontakt mit jenen verloren, die nicht dieselbe Reise unternommen haben, und ich sehe nicht mehr meine Mitstreiter, die ohne Zweifel existieren, und die ihrerseits auch mich nicht mehr sehen … Schließlich arbeite ich wie an einem Absoluten, an einem relativen und ungewissen Werk … Aber ich weiß besser und besser, daß die einzige Erkenntnis, die sich lohnt, jene ist, die sich von der Ungewißheit nährt, und daß der einzige Gedanke, der lebendig ist, jener ist, der sich bei der Temperatur seiner eigenen Zerstörung erhält“ (Morin 2010: 37).

Es ist die Situation der Einsamkeit, die der französische Philosoph, Wissenschaftstheoretiker und Soziologe Edgar Morin hier als Resultat seiner eigenen Wahl beschreibt, als ein Phänomen, dem er sich selbst ausgesetzt hat. Morin, der, heute, am 8. Juli 2021, seinen hundertsten Geburtstag feiert, hat ein Werk geschaffen, das ein Zentralmassiv inmitten der Wissenschaftstheorie darstellt, und noch immer ist er hoch produktiv, wie sich aus seinem neuesten Buch über das Corona-Virus zeigt, das mit seiner eigenen Lebensgeschichte als einem indirekten Opfer der Spanischen Grippe in den 1920er Jahren beginnt (Morin 2020). In Deutschland ist Morin fast unbekannt; nur wenige seiner Werke sind bislang aus dem Französischen übersetzt worden. In der Wissenschaftstheorie wird er kaum systematisch diskutiert; eine Ausnahme bildet die Soziologie, die seine Analysen allerdings für das gängige Paradigma der Praxistheorie vereinnahmt (Schmalz-Bruns 1989: 222-238; Moebius 2004). Weder von seinen Mitstreitern noch von der akademischen Zunft (nicht nur) im deutschsprachigen Raum gesehen zu werden, dies ist der Preis, den Morin zu zahlen hat, und wenn man seine Werke liest, dann entsteht (jedenfalls bei den wenigen Büchern, die ich von ihm kenne) der Eindruck, dass er dazu nicht ohne Vergnügen bereit ist.

Die Geschichtswissenschaft heute ist der Einsamkeit spinnefeind. Allenthalben bewegen sich Historikerinnen und Historiker innerhalb von Institutionen, Schulen, Paradigmen, gehen auf Konferenzen, tragen Ergebnisse vor. Natürlich kennen sie Phasen der Einsamkeit, in der Regel in der Zeit des Schreibens, sei es an einer Monografie, sei es an Aufsätzen, Vorträgen, Vorlesungen oder ähnlichem, aber selbst dann unterbrechen sie Arbeitsroutinen, stellen vorläufige Ergebnisse zur Diskussion, verschicken Entwürfe einzelner Kapitel an Kolleginnen und Kollegen, stellen ihre Hypothesen in Kolloquien und anlässlich von Konferenzen zur Diskussion. Immer zeigen sie sich eilfertig dazu bereit, auf Nachfrage eigenes Spezialwissen über die Vergangenheit in den Massenmedien preiszugeben und (mehr oder minder direkt) ihre Gegenwart zu kommentieren, neuerdings gerne auch in Echtzeit auf Twitter und anderen Plattformen der so genannten sozialen Netzwerke. „Öffentlichkeit“ ist der Geschichtswissenschaft geradezu eingeschrieben; nur war damit lange Zeit ein fachwissenschaftliches Publikum impliziert, das aufgrund eigenen Wissens und fachlicher Reputation die Reichweite vorgebrachter Analysen beurteilen konnte. Aber heute heißt „veröffentlichen“ weitaus mehr: es heißt, sich an eine allgemeine Öffentlichkeit zu wenden, sich performativ in Szene zu setzen, um die Rezeption zu steuern und präsent zu sein.

Mit „Öffentlichkeit“, so meine These, ist heute nicht mehr nur die Fachwissenschaft gemeint, für die Historikerinnen und Historiker zuallererst schreiben sollten (dieser Sachverhalt wird ja gerne mit dem schönen Wort des „Elfenbeinturms“ der Wissenschaft umschrieben). Stattdessen ist die „Öffentlichkeit“, um die es bei ihren Versuchen der Rezeptionssteuerung geht, primär diejenige des Funktionssystems „Politik“ (Luhmann 2000). Historikerinnen und Historiker wenden sich über die Massenmedien, also Internet, Fernsehen und Radio, an dieses Funktionssystem, um es vermittels seiner Kapazität zu kollektiv bindendem Entscheiden zu spezifischen Änderungen in der Gesellschaft zu bewegen. Der Bielefelder Soziologe André Kieserling (2003) bezeichnet diese überbordende, ans Funktionssystem „Politik“ adressierte Kommunikation als „Politismus“. Ein solcher Politismus hat in der deutschen Geschichtswissenschaft Tradition und findet sich im Historismus des 19. Jahrhunderts, in der „kämpfenden Wissenschaft“ der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus und auch in der Historischen Sozialwissenschaft Bielefelder Provenienz (die französische Schule der Annales der 1930er bis 1970er Jahre kannte diese Tradition jedoch offenbar nicht; siehe Jäger/Rüsen 1992).Seither gilt es Historikerinnen und Historikern nicht nur als selbstverständlich, sich politisch zu äußern; mindestens ebenso selbstverständlich erheben sie auch den Anspruch, von der Politik gehört zu werden. Nicht nur in diesem Sachverhalt erweist sich die deutsche Geschichtswissenschaft als integraler Bestandteil der (politischen) Macht; ein Resultat ihrer Institutionalisierung an Universitäten und Akademien im 19. Jahrhundert, in deren Verlauf die Profession des verbeamten Historikers entstand (Raphael 2003: 25-43).

In wessen Namen aber versuchen verbeamtete deutsche Historikerinnen und Historiker öffentlich zu intervenieren? Für wen sprechen sie? Was sind ihre bevorzugten Themen? Welche Motive treiben sie an? Drei hauptsächliche Beweggründe sind zu erkennen: erstens die Berufung auf die „Opfer der Geschichte“, auf marginalisierte Gruppen, die nicht selbst sprechen können oder die niemanden haben, der für sie spricht (zum Konzept Heinrich 2004), um auf diesem Wege einer politischen Anerkennung ihrer Ansprüche den Weg zu bahnen. Zweitens geht es Historikerinnen und Historikern bei ihren öffentlichen Interventionen oftmals auch um die Situation ihres Faches, etwa bei der Frage der Ausgestaltung von Studiengängen und Geschichtsunterricht oder bei der Kritik an prekären Beschäftigungsverhältnissen. Drittens schließlich, und dieser Bereich hat in den letzten Jahren zugenommen, beschwören manche wieder den Machtstaatsgedanken, fordern eine außen- und militärpolitische Normalität, die endlich einkehren müsse, damit „Deutschland“ (was immer das auch ist) wieder diejenige internationale Rolle spielen könne, die ihm aufgrund seiner Wirtschaftsleistung angeblich zukomme. Diese drei Varianten des Politismus adressieren das Funktionssystem „Politik“ im Namen einer wissenschaftlichen Kompetenz und Reputation, und zwar in der Regel über das Funktionssystem „Massenmedien“ (Luhmann 2017). Damit sie Resonanz finden, müssen sie sich also den Logiken von Politik und Massenmedien unterwerfen. Sie hören damit in letzter Konsequenz auf, wissenschaftliche Kommunikationen zu sein.

Die Situation, in die man sich als Historikerin oder Historiker mit der Option für eine dieser drei Varianten des Politismus begibt, ist demzufolge eindeutig: man wechselt vom Funktionssystem „Wissenschaft“ (Luhmann 1990) in die Funktionssysteme „Massenmedien“ und „Politik“ über. In den Massenmedien existieren allerdings bestimmte Auswahlkriterien, denen eine Information genügen muss, um als berichtenswert erachtet zu werden, und die auch die Art und Weise ihrer inhaltlichen Aufarbeitung konditionieren. Dazu zählen der Neuigkeitswert eines Themas, dessen Moralisierungsfähigkeit, die Zurechenbarkeit auf Personen, die Bevorzugung von Konflikten und Gesetz- und Normverstößen. Die Differenz zwischen wahr und unwahr, die die Operationen des „Wissenschaft“ steuert, ist hier nicht von Relevanz. Im Funktionssystem „Politik“ hingegen geht es um agonale Vergesellschaftung, ob nun im Schema Regierung/Opposition, Links/Rechts oder Oben/Unten. Man muss sich einer Gruppe zuordnen, die sich von einer anderen Gruppe abgrenzt. Politik ist insofern immer „identitär“, das heißt, die Gruppenmitglieder unterwerfen ihre Identität jenen Wesensmerkmalen, die für die Gruppe kennzeichnend sind.

Wenn Historikerinnen und Historiker sich über die Massenmedien ans Funktionssystem „Politik“ wenden, entstehen in der Regel zwei Gruppen (die „Neutralen“ lasse ich an dieser Stelle einmal beiseite). Diese Lagerbildung resultiert aber nicht etwa aus den fachwissenschaftlichen Befunden, sondern aus diametral unterschiedlichen politischen Schlussfolgerungen. Nicht die Erkenntnisse (gegenwärtige Vergangenheiten), sondern Erwartungen an die Politik (zukünftige Gegenwarten) konditionieren dann die Gruppenzugehörigkeiten. Es wäre interessant zu untersuchen, inwieweit sich dieser identitäre Politismus bei allzu intensivem Gebrauch auch auf fachwissenschaftliche Erkenntnisse niederschlägt, inwieweit sich also politistische Optionen auf Erkenntnisinteressen und Untersuchungsdesigns historischer Darstellungen auswirken. Solange darüber noch keine Klarheit zu erlangen ist, scheint es mir besser, Morins Imperativ zu befolgen: „Lass‘ das Urteil der anderen nicht mehr entscheidend sein und ertrage deine selbstgewählte Einsamkeit“.

Intertexte

Heinrich, Caroline: Grundriss zu einer Philosophie der Opfer der Geschichte, Passagen Verlag: Wien 2004

Jaeger, Friedrich/Rüsen, Jörn: Geschichte des Historismus. Eine Einführung, C. H. Beck: München 1992

Kieserling, André: Die Gesellschaft der Politik? Zum Politismus der Moderne, in: Lessenich, Stephan (Hg.): Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse, Campus: Frankfurt am Main/New York 2003, S. 23-40

Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1990

ders.: Die Politik der Gesellschaft, hg. v. André Kieserling, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2000

ders.: Die Realität der Massenmedien, 5. Aufl., Springer VS: Wiesbaden 2017 [ursprgl. erschienen im Westdeutschen Verlag: Opladen 1995]

Moebius, Stefan: Bio-Anthropo-Soziologie: Edgar Morin, in: ders./Peter, Lothar (Hg.): Französische Soziologie der Gegenwart, UTB/UVK: Konstanz 2004, S. 237-265

Morin, Edgar: Die Methode. Die Natur der Natur, hg. v. Wolfgang Hofkirchner. Aus dem Französischen übers. u. m. einem Nachw. vers. v. Rainer E. Zimmermann, Turia+Kant: Wien/Berlin 2010 [im frz. Original Paris 1977]

ders. (avec la collaboration de Sabah Abouessalam): Changeons de voie. Les leçons du coronavirus, Denoël: Paris 2020

Raphael, Lutz: Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart, C. H. Beck: München 2003

Schmalz-Bruns, Rainer: Alltag, Subjektivität, Vernunft. Praxistheorie im Widerstreit, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 1989