Die Ideosphären, fünfter Versuch

von arminnolzen

Das heimliche Thema jener Vorlesungsreihe „Das Neutrum“, die der französische Semiologe Roland Barthes im Studienjahr 1977-1978 am Pariser Collège de France gehalten hatte, war die Macht. Genauer: die Möglichkeiten, sich der Macht zu entziehen, wenn nicht ihr zu widerstehen. Gleich zu Beginn war Barthes schon auf seine Probleme mit jenem Mana-Wort „Macht“ zu sprechen gekommen, womit er dessen damals gebräuchliche inflationäre Verwendung unter den französischen Intellektuellen ironisierte (Barthes 2005: 35 f.). Als Mana-Wort (ein Ausdruck, den er von Claude Lévi-Strauss übernahm) galt ihm eines, „dessen brennende, vielgestaltige, nicht zu fassende und gleichsam sakrale Bedeutung die Illusion gibt, dass man mit diesem Wort auf alles antworten kann“ (Barthes 2010: 152). Und sein ureigenes Mana-Wort war eben nicht „Macht“, sondern „Körper“ (Ette 2002: 327-377; Samoyault 2015: 639-689).

Als Barthes im zweiten Teil seiner Vorlesung vom 25. März 1978 auf das Verhältnis zwischen „Ideosphäre“, jetzt im Singular verstanden als Sprache, die im politischen Raum hegemonial geworden ist, und „Macht“ zu sprechen kam, standen seine Ausführungen dann auch unter dem doppelten Vorbehalt, sie dienten dazu, „der gegenwärtigen Mode zu huldigen“, und es handelte sich dabei nur „ein oder zwei rasch hingeworfene Bemerkungen“. Diese begannen wie folgt: „1. Verhältnis zwischen Ideosphäre (Sprache) und Macht (im Singular: der politischen, staatlichen, nationalen Macht) […]. a) Die Ideosphäre bildet sich tendenziell als doxa heraus, das heißt als »Diskurs« (partikulares Sprachsystem), der von seinen Benutzern als universeller, natürlicher selbstverständlicher Diskurs aufgefaßt wird, dessen Typik unsichtbar bleibt, dessen »Äußeres« an den Rand gedrängt, marginalisiert, zur Abweichung erklärt wird: Gesetzesdiskurs, der nicht als Gesetz wahrgenommen wird“ (Barthes 2005: 158 f.).

Damit sich eine Ideosphäre als hegemonial etablieren kann, bedarf es also ihrer Naturalisierung und Invisibilisierung beziehungsweise, damit einhergehend, der Ausschaltung konkurrierender Ideosphären. Der neue Diskurs muss als ein selbstverständlicher erscheinen, die Mechanismen, mittels derer dies erreicht werden soll, müssen unsichtbar bleiben und ihm entgegenstehende Diskurse verdrängt werden. Diese Normalisierung bedarf einer gewissen Zeit und muss von den Individuen in ihrem Sprachgebrauch auf je eigene Art und Weise nachvollzogen werden. Barthes verengte die bisherige gesellschaftsgeschichtliche Perspektive seiner Analyse der Ideosphäre hier auf einen einzelnen Aspekt: das Interagieren zwischen der Macht (dem System der Politik) und der Sphäre der Öffentlichkeit (der öffentlichen Meinung): „Die politische Wissenschaft kümmert sich (noch) nicht um Probleme der Sprache (Verhältnis von Diskurs und Macht. Die Politik denkt sich ohne Sprache; unter allen »Disziplinen« verleugnet, verdrängt gerade sie das Objekt Sprache am gründlichsten): die Ideosphäre (Diskurs der doxa): eine Art regulativer, homöostatischer Apparat, der die Macht innerhalb optimaler Grenzen reguliert. Die Macht kann nicht ohne Gefahr (für sich selbst) Grenzen und Normen der öffentlichen Ideosphäre überschreiten“ (ebd.: 159).

Was heißt dies für die hier zu erörternde Frage nach einer nationalsozialistischen Ideosphäre? Es kann bei deren Analyse nicht darum gehen, die Seite der Macht nur als Produzierende, die Seite der Öffentlichkeit nur als Konsumierende einer spezifischen Sprache zu konzeptualisieren. Im Gegenteil: Barthes kehrt die Perspektive um und behauptet eine Begrenzung der Macht durch die Ideosphäre! Diese Position widerspricht diametral dem Ansatz der bisherigen NS-Forschung zu den Massenmedien nach 1933! Ihr zufolge boten die NS-Medien, also Radio, Zeitungen, Kino und Staats- und Parteiverlage, deren Elaborate von Historikerinnen und Historiker gemeinhin zur Analyse der „Lingua Tertii Imperii“ (Victor Klemperer) genutzt werden, eine Sprache an, der sich Einzelne entweder bedienen oder nicht bedienen konnten. Die Massenmedien werden dabei in der Regel als vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda gelenkte gedacht und damit der Seite der Macht zugeordnet. Sie fungieren insofern als Sendende, ihr Publikum als Empfangende sprachlicher oder semiotischer Botschaften (als Resümee Zimmermann 2007). Das einzige Zugeständnis, das die NS-Forschung in diesem Denkmodell an den „Eigen-Sinn“ (Lüdtke 2015) des Publikums macht, betrifft das Feld der massenkulturellen Produktion. Demnach habe das NS-Regime bei Radioprogramm, Zeitschriftenprodukten und Kino dem Publikumsgeschmack zu folgen versucht (Marßolek/von Saldern 1998; Dussel 2019; Garnacz 2021). Dies ist allerdings nichts NS-Spezifisches, denn Massenkultur ist (der Begriff sagt es ja bereits!) generell von der Abnahmebereitschaft des Publikums abhängig.

Am deutlichsten wird die Vernachlässigung der Empfangenden-Macht in einer vor zehn Jahren erschienenen Edition zur NS-Propaganda, die Bernd Sösemann, emeritierter Lehrstuhlinhaber für Geschichte der öffentlichen Kommunikation an der FU Berlin, zu verantworten hat (Sösemann 2011). Sösemann muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit dieser dickleibigen, insgesamt 1250 Dokumente, Bilder und Tabellen umfassenden Quellensammlung seine beiden Hauptziele – zum einen die Propagandakommunikation im NS-Staat multiperspektivisch zu erfassen, zum anderen die Ebene der Rezipierenden einzubeziehen (S. XLIII) – mit Pauken und Trompeten verfehlt zu haben. Mit etwas gutem Willen lassen sich insgesamt sechs leidlich bekannte Dokumente (Nr. 737, 827, 951, 1005, 1010, 1016) mit der Rezeption von NS-Propaganda in Verbindung bringen. Bei allen anderen Dokumenten handelt es sich in der Regel um das von NS-Stellen produzierte Schrifttum selbst, ohne dass die Produktionsbedingungen thematisiert würden.

Das Dilemma dieser Edition beginnt schon in Abschnitt I der Einführung (S. XIX-LIX), die die Lesenden nicht an die komplexe institutionelle Struktur der NS-Propaganda heranführt, sondern unter explizitem Rückgriff auf die Kategorie „Volksgemeinschaft“ die generelle Entwicklung des NS-Regimes darzustellen sucht. Jedoch ist Sösemann weder mit der Debatte über diesen Begriff (dazu jetzt zusammenfassend Schmiechen-Ackermann/Buchholz/Roitsch/Schröder 2018) noch mit der neuen NS-Forschung sonderlich vertraut. Pausenlos produziert er Plattitüden, etwa, dass sich das NS-Regime nie zu einem schlüssigen Gesamtsystem (was immer das ist) fortentwickelt habe (S. XXXIII), das Urteilsvermögen von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels „im Theater und filmischen Sektor unzulänglich“ gewesen sei (S. XLVII) und es seit 1933 überhaupt kein „klares, allgemein verbindliches medienpolitisches Konzept“ gegeben habe (S. XLIX). Der methodische Zugriff Sösemanns, der über die Begriffskonglomerate „Verfassung, Verwaltung, Recht“ sowie „Öffentlichkeit, weltanschauliche Mobilisierung, Propagandakommunikation“ erfolgt, erlaubt es zudem nicht, das empirische Material inhaltlich zu gewichten.

Die Quellen, die Sösemann präsentiert, müssen immer für sich selbst sprechen. Es gibt keine Annotationen, keine Begriffs- oder Namenserläuterungen, geschweige denn Ausführungen zur Überlieferungsgeschichte. Bei vielen Dokumenten bleibt außerdem zu fragen, was sie eigentlich in einer solchen Edition zu suchen haben. Ein beredtes Beispiel bilden die „Anweisungen zum Telefonieren“, die die Reichspostdirektion München auf der ersten Seite ihres Fernsprechbuches im März 1941 ausgegeben hat (Nr. 977). Darin lesen wir unter 2. „Erst Rufnummer nachschlagen – dann Hörer abnehmen“ und unter 6. „Hörer nicht abnehmen, wenn man nicht sprechen will“. Solchen Quisquilien stehen jedoch auch nützliche Tabellen gegenüber, etwa zur Häufigkeit von Kraft-durch-Freude-Fahrten (Nr. 957) oder zur regionalen Verteilung der NS-Tagespresse (Nr. 1054). Hingegen sind die meisten jener Schaubilder und Organigramme, die Sösemann zu den NS-Institutionen erstellt hat, unbrauchbar (z. B. die Nr. 107, 750, 1024, 1063, 1070). Auch bei vielen Abbildungen und Faksimiles fragt man sich, inwiefern eine Reproduktion zielführend war (z. B. Nr. 625, 780, 781, 791, 799, 801, 808). Die äußerst aufwändigen Farbtafeln, die das Ende des ersten Bandes zieren, hätten einer quellenkritischen Erläuterung bedurft. Immerhin ist die Erschließung der Dokumente über Inhaltsübersichten sowie Register zu Medien, Sachbegriffen, Institutionen und Organisationen, Orten und Personen durchaus gelungen. Wer in dieser Edition nach etwas Bestimmtem sucht, wird in der Regel auch fündig.

Ihre inhaltlichen Stärken dagegen blitzen nur selten auf, etwa wenn der Nationalsozialismus als eine Alltagskultur präsentiert wird, die sich mittels Fahnen, Wimpeln, Unformen, Abzeichen und Kultgegenständen in das kollektive Gedächtnis einschrieb. Hier beginnen Lesende zu ahnen, wie die NS-Propaganda und ihre Rezipierenden miteinander interagierten. Aus vielen Forschungen zur öffentlichen Meinung nach 1933 ist ja bekannt, wie das NS-Regime (die Seite der Macht) den Geschmack des Publikums erhob (als Synthese Longerich 2006). Um Barthes‘ Behauptung einer Selbstbegrenzung der Macht durch die von ihr selbst geschaffene Ideosphäre belegen zu können, müssen die Kommunikationsverhältnisse im NS-Staat, stärker als bisher, als zirkulär strukturiert gedacht werden. Offenbar band die Entscheidung, auf den Geschmack des Publikums Rücksicht zu nehmen, nach 1933 auch die Entscheidenden. Barthes‘ kybernetisches Bild eines Thermostats, der sich selbst regulierte, könnte für weitere Forschungen sehr hilfreich sein.

Referenzen

Barthes, Roland: Das Neutrum. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, hg. v. Éric Marty, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2005

ders.: Über mich selbst, Matthes&Seitz: Berlin 2010

Dussel, Konrad: Bilder als Botschaft. Bildstrukturen deutscher Illustrierter 1905-1945 im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Publikum, Herbert von Halem: Köln 2019

Ette, Ottmar: Roland Barthes. Eine intellektuelle Biographie, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2002

Garnacz, Joseph: Begeisterte Zuschauer. Die Macht des Kinopublikums in der NS-Diktatur, Herbert von Halem: Köln 2021

Longerich, Peter: „Davon haben wir nichts gewusst!“ Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945, Siedler: München 2006

Lüdtke, Alf: Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus, Westfälisches Dampfboot: Münster 2015

Marßolek, Inge/von Saldern, Adelheid (Hg.): Radio im Nationalsozialismus. Zwischen Lenkung und Ablenkung, edition diskord: Tübingen 1998

Samoyault, Tiphaine: Roland Barthes. Die Biographie, Suhrkamp: Berlin 2015

Schmiechen-Ackermann, Detlef/Buchholz, Marlis/Roitsch, Bianca/Schröder, Christiane (Hg.): Der Ort der ,Volksgemeinschaft‘ in der deutschen Gesellschaftsgeschichte, Schöningh: Paderborn 2018

Sösemann, Bernd (Hg.): Propaganda. Medien und Öffentlichkeit in der NS-Diktatur. Eine Dokumentation und Edition von Gesetzen, Führerbefehlen und sonstigen Anordnungen sowie propagandistischen Bild- und Textüberlieferungen im kommunikationshistorischen Kontext und in der Wahrnehmung des Publikums, 2 Bde., Steiner: Stuttgart 2011

Zimmermann, Clemens: Medien im Nationalsozialismus. Deutschland 1933-1945, Italien 1922-1943, Spanien 1936-1951, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2007